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New Age hinter Geranienkästen

Ob Lebensmittel oder Lebensweisheiten: Importe aus Asien sind gefragt. Ein Trendgetränk aus China begann seine Karriere aber ausgerechnet am Fuße der Burg Teck: Im schwäbischen Bissingen züchtet Reinhard Stutz Kulturen des Kombucha-Pilzes.


Christina Hölz

Die Zunge taucht beileibe nicht in bonbonsüße Caipirinha-Seeligkeit. Beim ersten Schluck von diesem China-Cocktail zieht sich der Gaumen zusammen, als hätte man ihn mit Essig bepinselt. Der zweite Versuch passt schon besser, aber erst der dritte Schluck schmeckt richtig. Obwohl sich der säuerliche Geschmack hält und räs im Rachen schürft - ein bisschen wie alternder Most.

Nun ja, wer hip sein will, schlürft eben Saures. Buttermilch für die Haut, Grapefruitsaft für die Figur. Aber das mutet mittlerweile wie Hausfrauenmedizin an. Hollywood-Ikonen wie Cher und Meg Ryan halten es neuerdings mit einem jahrtausende alten Drink aus Asien: Kombucha. Klingt wie eine japanische Kampfsportart - doch dahinter verbirgt sich eine chinesische Pilzkultur. Die gilt als Allheimittel und hat, gemixt mit Tee und Zucker, schon den Status eines Trendgebräus.

In den Partyställen im österreichischen Apres-Ski-Zirkus Ischgl etwa buhlen die Kombuchaflaschen mit Bier und Alcopops. In den Refomhäusern konkurrieren sie mit Nervenstärkungsmitteln, in den Wellness-Oasen mit Fruchtsäften. Erfolgreich, obwohl die großen Flaschen beinahe soviel kosten wie ein guter Wein - bis zu 20 Euro.

Das zahlen die Käufer nicht ohne Grund. Saures ist nicht nur angesagt, Saueres hält angeblich auch gesund. Der Kombucha-Pilz soll helfen, bei Gicht, Rheuma, Bluthochdruck, Stoffwechselkrankheiten, Allergien oder sonstigen Gebrechen. "Wer regelmäßig Kombucha trinkt, fühlt sich sich wohler, ist belastbarer und kommt bessser aus dem Bett." Der das sagt, ist weit entfernt von einer Karriere als Fitnessberater in Hollywood: Reinhard Stutz lebt und arbeitet in einer Neubausiedlung unterm grün gerahmten Bilderbuch-Albtrauf, von seinem Einfamilienhaus aus hält er Blickkontakt zur Burg Teck. Das Haus ist die letzte Adresse am Ortsrand von Bissingen (Kreis Esslingen) - gleich dahinter mündet eine Sackgasse im Niemandsland. Alles andere als eine Sackgasse aber ist dieser Tage das Berufsleben des Reinhard Stutz: Ausgerechnet in der schwäbischen Provinz, wo Cher und Meg Ryan am weitesten entrückt scheinen, machte sich einer auf, um dem "Zaubertrunk" der nach ewiger Jugend dürstenden Filmdiven zur Karriere in europäischen Haushalten zu verhelfen: Der 49-jährige Reinhard Stutz züchtet seit zehn Jahren Kombucha-Kulturen nach einem Originalrezept und vertreibt sie über einen Fachversandhandel.

New Age hinter Geranienkästen: Vom Wohnraum der Familie führen Treppen hinunter ins weiß gekachelte Kellerlabor, in der Reinhard Stutz mit Handschuhen und weißem Mantel hantiert (der Wirtschaftskonrtrolldienst macht auch vor asiatischen Heilmitteln nicht Halt). In großen Gärfässern zieht er die Grundlage für das Kombucha-Getränk: den Teepilz, eine schwammige rosa Masse, die an einen großen Teigfladen erinnert und bis zu sieben Kilo schwer wird. Davon züchtet er in kleinen Glasschälchen Minikulturen, die wie rosa Götterspeise aussehen. Als 100-Gramm-Portionen schweißt Reinhard Stutz den Pilz in eine Plastiktüte ein und verschickt ihn quer durch die Republik.Vereinzelt bedient er auch Kunden in Frankreich, Italien, Dänemark und den Niederlanden.

Das Geschäft mit dem Chinapilz läuft. Seit Hollywood auf den Kombucha schwört, seit prominente Kombucha-Trinker in den Medien über ihre Erfahrungen mit dem Getränk berichten, das die Chinesen schon 221 vor Christus goutierten. Sie schätzten den Pilz für seine reinigende und belebende Wirkung. Heute werden dem Kombucha ganz andere Wunderdinge zugeschrieben: Der hohe Gehalt an vitalen Hefen fördert angeblich die Verdauung - der Pilz soll die Abwehrkräfte stärken und Müdigkeit vertreiben. Reinhard Stutz berichtet von Krebspatienten, die während der Therapie auf Kombucha setzten und sich damit besser fühlten. "Das haben mir meine Kunden versichert."

Das Einmachglas mit dem rosa Fladen, der sich mit Grün- und Schwarztee päppeln lässt, gehört in manche Küche wie die Kaffeemaschine - nicht nur in Haushalten, die ohnehin der alternativen Heilmittel huldigen. Für Reinhard Stutz die Erfolgsgeschichte eines Experiments: "Völlig abgedreht", tuschelten sie hinter seinem Rücken, als der Bissinger Anfang der 90er-Jahre seinen Job als Funkelektroniker kündigte ("das war nur noch nervig"), um unter die Pilzüchzter zu gehen. Kurz zuvor hatte der Mann, der am liebsten Heilpraktiker geworden wäre, das erste Mal den Kombucha-Trunk probiert. "Ich fühlte mich viel fitter und war total fasziniert."

Anfangs sah es allerdings nicht danach aus, als würde diese Faszination ausreichen, um eine vierköpfige Familie zu ernähren. Die Pharmaindustrie hängte Reinhard Stutz ein Abmahnverfahren an, weil er auf seinen Prospekten mit den Heilerfolgen des Kombucha-Pilzes warb. Die sind nicht wissenschaftlich nachgewiesen - ein Grund für die Schulmediziner, sich gegen die Konkurrenz aus der Naturheilmittel-Branche zu verwehren. Aber Stutz gab nicht auf. Er holte sich einen Anwalt zur Seite, inserierte über Kleinanzeigen und beantragte schließlich eine Pharmazentralnummer, die den Kombucha-Kulturen endgültig den Durchbruch bescherten: Mit Hilfe dieser Nummer kann der Pilz über jede Apotheke bestellt werden. Reinhard Stutz war der erste Kombucha-Züchter in Deutschland, der sich diesen Vorteil sicherte. Seitdem sind Apotheken und der pharmazeutische Großhandel die Hauptabnehmer des Versandhändlers. In Zeiten des Wellness- und Asien-Booms ordern jedoch immer mehr Privatleute die kleinen Chinesen aus Schwaben. Bis heute ist die Konkurrenz quasi gleich Null, erzählt Stutz.

Was nicht heißt, dass das Nischengeschäft mit dem asiatischen Pilz dem Mini-Unternehmen unter der Teck großes Aufsehen beschert hätte. Nach wie vor päppelt, braut und mixt Reinhard Stutz in den Tiefen seines Einfamilienhauses. So ein bisschen wie einst in der legendären Garage des Bill Gates. Dessen Gewinne fährt der Bissinger zwar lange noch nicht ein, aber den Ruf eines Sonderlings hat er längst hinter sich: Selbst die Wirtschaftsförderung der Region Stuttgart preist sein Kombucha-Labor als Vorzeige-Idee. Und Reinhard Stutz ist sich fast sicher: Er hätte es auch ohne die Strahlkraft von Cher und Meg Ryan geschafft.

Quelle: Sonntag Aktuell vom 08.08.2004
Copyright© by Christina Hölz



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